Roger, Brigitte, Dominic, Lilian und Olivia Schläpfer (v.l) in ihrem Hotel in einer alten Olivemühle in Andalusien. z.V.g
1/1 Roger, Brigitte, Dominic, Lilian und Olivia Schläpfer (v.l) in ihrem Hotel in einer alten Olivemühle in Andalusien. z.V.g
13.02.2020 06:55

Wiler Familie zwischen neuem Leben und demonstrierenden Olivenbauern

Familie Schläpfer aus Wil hat einen Neuanfang gewagt. Nach Jahren im Bankenwesen ist Brigitte Schläpfer mit Ehemann und Kindern in eine alte Olivenmühle in Andalusien gezogen. Dort bewirtschaften sie ein Hotel und einen Olivenhain. Dabei sind sie in ein teils schwieriges Umfeld geraten.

Wil Brigitte Schläpfer ist zu Besuch in Wil. Sechs Monate pro Jahr verbringt sie in der Schweiz, arbeitet in ihrer Praxis, dann geht es zurück nach Hause, nach Spanien. Beim Treffen strahlt sie förmlich vor Lebenslust. Das Leben im andalusischen Städtchen Montoro scheint ihr gut zu tun. «Es war eine der besten Entscheidung meines Lebens», sagt sie und lächelt zufrieden. Vor sieben Jahren ist die Wilerin mit Ehemann Roger Schläpfer und den drei Kindern Lilian, Olivia und Dominic ausgewandert. In Wil hatte sie in einer Bank gearbeitet und eine Praxis für traditionelle Chinesische Medizin geführt. Ehemann Roger Schläpfer, ebenfalls Banker, arbeitet im internationalen Geschäft – Reisen rund um den Globus, immer unterwegs und chronischer Jetlag inklusive, wie Brigitte Schläpfer erzählt. «Wir haben irgendwann gemerkt, wenn wir so weitermachen, werden wir keine 50 Jahre alt. Wir brauchten ein Time-Out mit der ganzen Familie.» Schläpfers zögerten nicht lang, kauften eine alte Olivenmühle in Montoro und zogen nach Spanien.

Herzlicher Empfang

Dort auf dem Hügel eines Olivenhaines, umgeben von Hunderten der Bäume, haben sie ein neues Zuhause aufgebaut. Die Mühle wurde renoviert und ein kleines Hotel eingerichtet, das Schläpfers betreiben. Dazu kommen gut 300 Olivenbäume in ihrem Besitz, die sie biologisch bewirtschaften und aus deren Früchten sie Olivenöl produzieren. Dieses verkaufen sie in der Schweiz. Das kleine Hotel läuft gut und gehört, gemäss spanischen Reiseportalen, seit zwei Jahren zu den zehn besten Kleinhotels Spaniens. In der kleinen Ortschaft Montoro im Norden Andalusiens, gut zwei Stunden Autofahrt von der andalusischen Hauptstadt Sevilla entfernt, sind Schläpfers die «Suizos» (die Schweizer). «Wir wurden aber sensationell herzlich aufgenommen», erzählt Brigitte Schläpfer. In kürzester Zeit hätten sie Freunde gefunden. So auch die Kinder, die in Montoro die hiesige Schulen besuchten. Sohn Dominic war beim Umzug 12 Jahre alt, und sprach, wie seine Geschwister, kein Wort Spanisch. «Er hatte etwas zu beissen, wurde aber bereits am ersten Schultag zu 'Gspänli' nach Hause eingeladen und hat sich schnell eingelebt», erzählt die Wilerin und lächelt dabei zufrieden. Heute würden die Kinder beinahe besser spanisch als deutsch sprechen. Drei Jahre hätten sie sich zu Beginn Zeit gegeben. Wenn nach Ablauf dieser Frist nur ein Familienmitglied unglücklich gewesen wäre, wären sie nach Wil zurückgekehrt. Sieben Jahre später ist davon jedoch keine Rede mehr. In Andalusien, wo alles etwas bedachter und langsamer funktioniert als in der hektischen Schweiz, fühlen sich Schläpfers wohl.

Wütende Olivenbauern

In jüngster Zeit würde es aber brodeln in der Region. Andalusien gehört mit seinen gut 280 Millionen Bäumen zu einem der grössten Olivenproduzenten der Welt. Nun mache sich unter den Bauern aber grosse Unzufriedenheit breit, erzählt Schläpfer. Das Problem: Die fortlaufende Industrialisierung der Olivenproduktion drücke den Marktpreis extrem und verdränge traditionelle Betriebe, die ohne grosse Maschinen, noch oft von Hand die Früchte ablesen würden. «Es herrscht eine depressive Stimmung unter den Olivenbauern», erzählt Schläpfer. Viele seien wütend und forderten vom Staat eine Regulierung des Marktpreises. Gestern Mittwoch, 12. Februar, fanden in ganz Andalusien grosse Massendemonstrationen statt. Auf den Strassen machten die Bauern ihrem Unmut Luft und forderten eine Lösung, um dem fortschreitenden Preiszerfall bei den Oliven auf dem Weltmarkt Einhalt zu gebieten. Das Problem beschäftigt Brigitte Schläpfer, auch wenn der Familienbetrieb mit den wenigen Bäumen, dem biologischen Anbau und dem Absatz in der Schweiz nicht so stark betroffen sei wie andere Olivenproduktionen. «Es tut mir leid für die traditionellen Bauern und die Region. Ich bin aber der Meinung, dass biologischer Anbau und hohe Qualität auch in Zukunft einen guten Absatzmarkt haben werden.»

«Planen nicht gross voraus»

Sonst sind Schläpfers in ihrem neuen Zuhause aber sehr zufrieden. Die Kinder studieren mittlerweile an spanischen Universitäten, Brigitte Schläpfer und Ehemann Roger pflegen ihr Hotel und den Olivenhain. An ein Leben, wieder zu 100 Prozent in der Schweiz, ist nicht zu denken. Was die Zukunft bringe? Brigitte Schläpfer zuckt mit den Schultern. «Wir sind da mittlerweile sehr 'andalusisch'. Wir planen nicht gross voraus, sondern nehmen das Leben, wie es kommt.»

Marc Sieger