Tanja Baer hütet gemeinsam mit ihrem Partner 600 Schafe über den Winter.
1/2 Tanja Baer hütet gemeinsam mit ihrem Partner 600 Schafe über den Winter.
Tanja Baer hütet gemeinsam mit ihrem Partner 600 Schafe über den Winter.
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16.03.2020 07:00

Wenn das Leben eine Auszeit fordert: 600 Schafe als Chance

Tanja Baer ist Sozialpädagogin und Therapeutin, hat Kinder und einen Landwirtschaftsbetrieb. Von Dezember bis März nimmt sie sich eine Auszeit. Mit 600 Schafen und ihrem Hund Queen ist sie in der Region unterwegs – auf Feldern, Hügeln und «an heiligen Orten».

Region Es ist bitterkalt, feine Haarsträhnen wehen Tanja Baer ins Gesicht. Sie ist warm angezogen, eine dicke Regenpellerine schützt sie vor dem Regen, der immer wieder vom Himmel prasselt, nur um kurze Zeit später der Sonne wieder zu weichen. Dies ist von Mitte Dezember bis Mitte März der Alltag von Tanja Baer. Eigentlich arbeitet sie als Sozialpädagogin und Therapeutin, doch ab und zu tauscht sie die Praxis mit der Weide. Mit 600 Schafen – beige, braune oder gefleckte – läuft sie in der Region von Wiese zu Wiese. Mit dabei ist ihr Hund Queen, den sie selbst zum Hirtenhund ausgebildet hat und der ihr hilft, die Wanderherde unter Kontrolle zu behalten. «Heute sind die Schafe ruhig und fressen gemütlich auf der Wiese. In solchen Situationen sind die Schafe und auch ich glücklich», sagt Tanja Baer. Sie ist seit über zehn Jahren im Betrieb ihres Mannes tätig, dieses Jahr wechseln sie sich mit Hüten ab. «Unsere Aufgabe ist sicherzustellen, dass die Schafe genug zu fressen haben. Optimal ist, wenn wir sowohl am Morgen als auch am Nachmittag eine saftige Wiese finden, auf denen wir verweilen dürfen», erzählt Baer. Der administrative Aufwand sei genauso gross wie das Hüten der Schafe.

Einige mögen es, einige nicht

«Nicht alle Bauern möchten Schafe auf ihren Weiden.» Jeweils einen halben Tag im Voraus würde sie darum rumtelefonieren und abklären, wohin die nächste Reise gehen wird. «Einige Landwirte sind dafür froh, wenn wir kommen. Wir verscheuchen Mäuse und bringen ein bisschen Extra-Dünger», sagt die Schafhirtin und lacht. Eigentlich hätte die Herde heute woanders weiden sollen, doch die Verhältnisse waren nicht optimal. Darum steht die Sozialpädagogin am Nachmittag zwischen Oberwil und Gachnang am Strassenrand. «Heute Mittag musste ich mir einen Kaffe in der Tankstelle holen, es war so kalt», erzählt Baer. Doch sie geniesst die Auszeit und die Ruhe um sie herum. Doch plötzlich machen einige Schafe den Anschein, die Strasse überqueren zu wollen. «Rechts, Queen», ruft die Hirtin laut. Ein Zeichen für den schwarz-weissen Border Collie, loszurennen und die Schafherde von der rechten Seite her wieder zusammenzutreiben. Ein Auto rast vorbei, Queen wartet geduldig am Strassenrand, bis ihn sein Frauchen zurückruft. «Gut gemacht, Queen», lobt Baer ihre Gefährtin.

Hütehund als Fulltime-Job

Queen kann kaum stillsitzen. Sie ist ein Junghund, alles ist spannend, alles ist neu. «Ich habe sie ausgebildet», erzählt Tanja Baer. Dies ist ein weiteres Hobby von ihr. An den Hütehundeprüfungen sitzt sie jeweils im Jurywagen und beurteilt, ob ein Tier als Hütehund geeignet ist. Am 15. März ist die Wanderherden-Saison beendet. Dann werden die Schafe auf Übergangsweiden untergebracht, bevor sie den Sommer auf der Alp verbringen. Dort werden sie geschoren – ihre Wolle wird verkauft. Tanja Baer schaut liebevoll auf die Tiere. «Ich liebe Tiere und setze mich auch für bedrohte Arten ein.» Doch dann werden ihre Gesichtszüge ernster. «Das Ding ist halt, dass die Schafe zur Fleischproduktion gezüchtet werden», erzählt sie. Für heute haben die Schafe aber genug gegessen, es wird Zeit, einen Schlafplatz zu suchen. «Wenn es regnet, versuchen wir, im Wald eines Landwirten unterzukommen, den wir um Erlaubnis bitten. Ansonsten tut es eine offene Wiese.» Obwohl Hirten normalerweise in einem Wohnwagen bei der Herde überachten, fährt Baer nach Hause. «Wir haben andere Tiere im Stall, die versorgt werden müssen.»

Jana Cucchia