Max Zeintl im Inneren seines Hauses. Eine Sanierung lohne sich kaum, ausserdem finde er es höchst fragwürdig, dass die Stadt das Haus eine Architekten mit Verbindungen ins dritte Reich unter Schutz stellen will. mas
1/2 Max Zeintl im Inneren seines Hauses. Eine Sanierung lohne sich kaum, ausserdem finde er es höchst fragwürdig, dass die Stadt das Haus eine Architekten mit Verbindungen ins dritte Reich unter Schutz stellen will. mas
Das Haus an der Hubstrasse 52in Wil.
2/2 Das Haus an der Hubstrasse 52in Wil.
14.02.2020 06:55

Stadt will Nazi-Haus schützen – Eigentümer wehrt sich

Die Stadt Wil prüft, ein Haus an der Hubstrasse 52 unter Schutz zu stellen. Der Eigentümer möchte an der Stelle aber etwas Neues bauen und kämpft gegen den Entscheid. Heikel an der ganzen Sache: Das Haus wurde von einem Architekten gebaut, der als Nazi-Sympathisant gilt.

Wil Die Böden wölben sich, an den Wänden fehlt der Verputz, vielerorts liegt das Mauerwerk frei, die Heizungen sind längst kaputt und von den Decken hängen Elektrokabel – das Haus an der Hubstrasse 52 ist sichtbar in die Jahre gekommen. Der Eigentümer, Max Zeintl, würde daher gerne auf dem ihm gehörenden Land etwas Neues bauen. «Die Nähe zum Bahnhof und die Grösse des Grundstücks wären ideal. Zudem heisst es ja immer, man solle nach innen verdichten.» Seit mehreren Jahren versucht er, seine Pläne zu verwirklichen, scheitert aber an der Bürokratie der Stadt Wil. Das Problem: Das Haus, in dem Zeintl aufgewachsen ist, soll unter Schutz gestellt werden. Damit dürfte der Wiler das Haus nicht abreissen. Infolgedessen hat er darum gebeten, dass das Verfahren, mit dem das Gebäude auf die Liste der schützenswerten Liegenschaften in Wil genommen würde, zu beenden. Seit Jahren wartet er auf einen Bescheid der Stadt und das Haus verlottert weiter zusehends. «Es ist frustrierend, dass nichts geht», sagt Zeintl sichtlich genervt. «Mittlerweile ist das Haus in einem Zustand, in dem eine Sanierung schlicht nicht machbar ist.» Er könne nicht verstehen, dass die Stadt Wil mit dem Entscheid auf sich warten lässt, während das Haus, das unter Schutz gestellt werden soll, zerfällt.

Architekt arbeitete für Nazis

Fast noch fragwürdiger als der Umstand, dass die Stadt so lange für einen Entscheid braucht, dünkt Zeintl, dass sie das Gebäude überhaupt schützen will. Dies wegen des Architekten, der für Zeintls Elternhaus in den Fünfzigerjahren verantwortlich zeichnete. Im Rahmen von in Auftrag gegebenen Recherchen ist der Hauseigentümer nämlich auf Verbindungen des Architekten Johann Anton von Tscharner zu Nazis gestossen. So sind im Vorarlberger Landesarchiv Unterlagen zu finden, die dokumentieren, dass von Tscharner in den Dreissiger- und Vierzigerjahren regelmässig für die Nazis gebaut hat. So zum Beispiel für die Vorarlberger Illwerke, in denen nach dem Anschluss der Republik Österreich 1938 an das Deutsche Reich nachweislich Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene eingesetzt wurden. In der Publikation «Uns wächst eine herrliche Jugend heran!» von Manfred Stoppel, die die Geschichte der Hitlerjugend in Vorarlberg beleuchtet, sind zudem Passagen über die Familie von Tscharner zu finden. So heisst es, dass Dora von Tscharner, die Frau des Architekten, überzeugte Nationalsozialistin gewesen sei und dieses Gedankengut auch an ihre Tochter weitergegeben habe. Johann Anton von Tscharner selbst habe sich offiziell zwar nie in die Politik eingemischt, aber immer wieder mit den Nazis zusammengearbeitet. Dass die Stadt Wil nun das Haus eines Architekten mit solchen Verbindungen unter Schutz stellen will, empfindet Max Zeintl als störend. «Es kann nicht sein, dass man die Biografie dieses Mannes einfach ignoriert und ihm ein Denkmal setzt. Das wäre nach aussen ein ganz schlechtes Zeichen für Wil und höchst fragwürdig.» Wie Zeintl sagt, hätte die Stadt Wil im Gutachten, das seinem Elternhaus die Schutzwürdigkeit bescheinigt, die Biografie des Architekten bei Seite gelassen.

«Kann nur warten, bis es zerfällt»

Wie es bei der Stadt Wil heisst, könne man zum Fall keine inhaltlichen Angaben machen, da es sich bei der Unterschutzstellung von Zeintls Elternhaus um ein laufendes Verfahren handle. Die Kommunikationsabteilung der Stadt lässt lediglich verlauten, dass das definitive Gutachten seit September 2019 vorliegt und der Stadtrat demnächst über die Unterschutzstellung entscheiden werde. Was «demnächst» heisst, bleibt aber offen. Max Zeintl hofft auf einen negativen Bescheid, sprich, dass das Haus nicht unter Schutz gestellt wird. Sollte dies doch passieren, weiss er selbst nicht, wie es weitergehen soll. «Ich kann nur warten, bis das Haus komplett verrottet und der Schutz in einigen Jahrzehnten verfällt.»

Marc Sieger