Markus Furger kämpft im Verein HOT Thurgau für Rechte der LGBTIQ-Menschen.
1/1 Markus Furger kämpft im Verein HOT Thurgau für Rechte der LGBTIQ-Menschen.
09.02.2020 07:00

«Nur die völlige Gleichstellung, mit der Ehe für alle, löst das Problem»

Während Morde, Drogendelikte oder Körperverletzungen dokumentiert sind, werden Aggressionen und Anfeindungen gegen Schwule, Lesben und Bisexuelle ignoriert. Eine Motion, die im Grossen Rat eingereicht wurde, soll dies ändern. Markus Furger ist selbst betroffen und gibt erschütternde Einblicke.

Region Traurige Listen zeigen: Rund zwei Hassdelikte pro Woche hat die Helpline des Lesben-, Gay-, Bisexuell-, Transsexuell-, Intersexuell- und Queer-Dachverbands (LGBTIQ) im Durchschnitt zu verzeichnen. Das Ausmass der körperlichen Gewalt sei besonders schockierend – die Dunkelziffer nicht gemeldeter Fälle sehr hoch. «Das löst bei mir Traurigkeit aus», sagt Markus Furger. Er ist Mitglied bei der Vereinigung Hot Thurgau, die sich für die Anerkennung und Rechte von Homosexuellen einsetzt. «Diese Statistik ist Ausdruck einer gewissen Gleichgültigkeit seitens Politik und Gesellschaft. Ein Grund für die Untätigkeit der Behörden sind die fehlenden Statistiken zu Hate-Crimes aufgrund der sexuellen Orientierung», so Furger. Fünf Kantonsräte wollen dies ändern und haben darum die Motion «Statistik im Bereich LGBTIQ-feindlichen Aggressionen» eingereicht.

Offizielle Statistiken fehlen

«Der Regierungsrat des Kantons Thurgau wird beauftragt, die heutige Polizeipraxis dahingehend zu erweitern, dass Gewalt und verbale Aggressionen mit LGBTIQ-feindlichem Charakter in der Statistik der angezeigten Straftaten ersichtlich werden.» Dies der Wortlaut in der Motion. Denn während Morde, Drogen- oder Verkehrsdelikte und Körperverletzungen selbstverständlich in die polizeilichen Statistiken aufgenommen werden, werden Delikte gegen Menschen mit einer anderen sexuellen Orientierung nicht verzeichnet. «Es ist höchste Zeit, dass dies passiert. Eine offizielle statistische Erfassung ist dringend notwendig. Durch internationale Studien wissen wir, dass die Anzahl der Hate-Crimes sehr hoch ist. Das hat Folgen bei den Betroffenen. Zum Beispiel eine mehrfach höhere Suizidalität bei LGBTIQ-Personen», erklärt Furger besorgt. Erst durch eine Erfassung in Statistiken würden sie ernstgenommen. Jetzt werde vieles totgeschwiegen und verdrängt. Würde die Motion im Grossen Rat und im Regierungsrat durchgesetzt, wäre das, gemäss Furger, ein Schritt in die richtige Richtung.

Es fehlt an Sensibilisierung

«Die Problematik wird dadurch erstmals schwarz auf weiss sichtbar. Und es wird bestimmt eine Wirkung haben», so Furger. «Durch die Statistiken und Sensibilisierungsmassnahmen soll ermöglicht werden, dass das Ausmass der LGBTIQ-feindlichen Gewalt sicht- und belegbar wird.» Erst dadurch könne aktiv gegen Hate-Crimes an lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans- und inter-Menschen vorgegangen und ihre Lebenssituation verbessert werden. Denn der Bevölkerung fehle es an Sensibilität. «Jede Massnahme, die sensibilisiert, nützt. Probleme werden sichtbar und es wird darüber geredet», erklärt Furger. Letztlich würde aber nur die völlige Gleichstellung, die auch die Ehe für alle beinhaltet, das Problem lösen. Es müsse zur Normalität werden, dass LGBTIQ-Menschen als ganz normaler Teil der Bevölkerung angesehen werden. «Um die korrekte Erfassung der Straffälle zu gewährleisten, ist eine entsprechende Aus- und Weiterbildung der Polizisten in diesem Bereich notwendig», ist sich Furger sicher. Denn das Ignorieren dieser Thematik würde nicht nur Einflüsse auf die Betroffenen haben. «Beeinträchtigt wird auch ihr persönliches Umfeld», erklärt Markus Furger. «Hasstiraden gegen Lesben, Schwule oder Bisexuelle treffen auch ihre Eltern und ihren Freundeskreis.» Aufrufe zur Diskriminierung könnten sich auch im Vereins- oder Berufsleben, aber auch im Gesundheitswesen negativ auswirken. Darum kämpfen fünf Kantonsräte aus verschiedenen Parteien (GLP, BDP, SP, FDP, Grüne, CVP, EVP) um Gleichstellung.

Ein langer Weg zu gehen

«Trotz vieler Fortschritte im Kampf für die Rechte von LGBTIQ-Menschen bleibt ein langer Weg zu gehen, bis tatsächlich Gleichstellung erreicht ist», schreiben die Politiker in der Motion. LGBTIQ-Menschen würden auch heute noch regelmässig psychische, verbale, körperliche oder sexuelle Gewalt erleiden. Offizielle Statistiken dazu würden fehlen. «Trotz zahlreicher internationaler, von der Schweiz unterzeichneter Abkommen, erfassen die Polizeibehörden den homo-, bi-, inter- und transfeindlichen Charakter physischer und verbaler Gewalttaten nicht», so der Text in der Motion. Die Forderung: Die Daten der Polizei seien jährlich zu analysieren oder einem Überwachungsorgan für solche Gewalttaten zur Verfügung zu stellen und die Kantonspolizei sei in der Grundausbildung und mit Weiterbildungen für den Umgang mit solchen Straftaten zu schulen. Ein erster Schritt könnte in wenigen Tagen bereits gemacht werden.

Schweiz gegen Diskriminierung

Am 9. Februar stimmt die Schweizer Stimmbevölkerung über die Änderung vom 14. Dezember 2018 des Strafgesetzbuches und des Militärstrafgesetzes (Diskriminierung und Aufruf zu Hass aufgrund der sexuellen Orientierung) ab. In Markus Furger löst diese Abstimmung starke Gefühle aus. «Ich habe die Hoffnung, dass sich etwas ändert, die Akzeptanz steigt und die Übergriffe abnehmen.» Ein Gegen-Komitee macht den LGBTIQ-Menschen jedoch das Leben schwer. Laut ihnen geht es im Gesetz, das als Diskriminierungsschutz verkauft werde, in Wahrheit um ein Zensurgesetz. Dieses bedrohe die Meinungsfreiheit. «Das ist schlicht falsch. Hass und Hetze sind keine Meinung. Niemand kann ernsthaft vertreten, dass es um konstruktive Meinungsäusserungen geht, wenn in Tweets oder Broschüren verbreitet wird, LGBTIQ-Menschen seien krank», sagt Furger. Seine Hoffnung: «Dass irgendwann nur noch der Mensch zählt.»

Jana Cucchia