Bettina Zimmermann berät als Krisenexpertin unter anderem Firmen, die mit dem Coronavirus konfrontiert sind. mas
1/1 Bettina Zimmermann berät als Krisenexpertin unter anderem Firmen, die mit dem Coronavirus konfrontiert sind. mas
06.03.2020 06:55

«Notvorrat für zu Hause ist absolut sinnvoll»

Bettina Zimmermann hat derzeit alle Hände voll zu tun. Das Coronavirus hält die Krisenmanagerin aus Wil auf Trab. Im Interview erzählt sie, wie sie die gegenwärtige Situation wahrnimmt, wie Unternehmen am besten reagieren und was sie von den Massnahmen des Bundes hält.

Wil Bettina Zimmermann ist im Schuss, als sie das Sitzungszimmer betritt, in dem das Interview stattfindet. Während des Gesprächs läutet ihr Handy Immer wieder. Es sei der «Corona-Chat», erklärt sie.

Bettina Zimmermann bereitet Ihnen der Coronavirus viel Arbeit?

Ja, es läuft grad einiges. Wir sind neben unseren Alltagsprojekten in der Krisenprävention derzeit auch mit einigen Anfragen von Firmen beschäftigt, die sich wegen möglichen betrieblichen Auswirkungen mit dem Coronavirus Sorgen machen.

Was beschäftigt die Unternehmen denn?

Bei einem bestätigten Coronavirusfall entscheidet der Kantonsarzt, wer aus dem Umfeld des Infizierten unter Quarantäne gestellt wird. Für Firmen kann das heissen: Mitarbeiter fallen aus, Produktionen können allenfalls nicht mehr aufrechterhalten und Lieferfristen nicht mehr eingehalten werden. Die Unternehmen wollen dann wissen, wie sie das geschäftliche Risiko vermindern können. Das geht, indem man Geschäftsprozesse überprüft, optimiert oder allenfalls Redundanzen schafft, so, dass die Ausfälle nicht mehr so stark ins Gewicht fallen. Natürlich gehören auch die konsequente Umsetzung und Einhaltung von Hygienemassnahmen dazu, um die Ansteckungsgefahr überhaupt zu minimieren.

Erleben wir denn zurzeit wirklich eine Krise?

Aufgrund der aktuellen Situation und der Ausbreitung des Coronavirus stuft der Bundesrat die Situation in der Schweiz als besondere Lage ein. In dieser Lage darf er über Massnahmen entscheiden, die normalerweise in der Kompetenz der Kantone sind. Der Bundesrat hat die Führung übernommen. Auch diverse Firmen haben angefangen, Krisenstäbe und Taskforces einzusetzen. Ich würde nicht sagen, dass wir eine Krise erleben, aber eine Situation, die verstärkte Aufmerksamkeit braucht.

Was raten Sie den Firmen, die Sie anfragen?

Das Wichtigste ist, dass betriebliche Prozesse auf ihre Aufrechterhaltung überprüft und falls nötig optimiert werden. Dass Entscheidungen, die man trifft, auf Fakten beruhen, dass man dabei aber auch die emotionale Dimension der derzeitigen Situation mitberücksichtigt. Man sollte nicht überreagieren, die Situation mit dem Coronavirus aber auch nicht verharmlosen.

Haben Sie denn den Eindruck, dass viele Leute überreagieren? Teils wirkt es schon ein wenig wie eine Hysterie, die um sich greift.

Von einer Hysterie würde ich noch nicht sprechen, aber es läuft schon sehr viel. Dazu tragen auch die Medien einen Teil bei. Gerade in den sozialen Medien wird unnötige Panikmache betrieben. Grundsätzlich sollte man sich auf Fakten berufen, man darf die Emotionalität aber nicht ausklammern. Es gibt viele, die sich Sorgen machen. Bei der Bewältigung der Situation muss man das berücksichtigen.

Was halten Sie von der Art und Weise, wie der Bundesrat und das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Situation bewältigen?

Die Behörden sind gefordert, Fakten zu liefern und Verhaltensmassnahmen zu kommunizieren und dies schnell und breit gefächert. Ich finde es richtig, dass der Bundesrat die «besondere Lage» ausgesprochen und die Führung und Verantwortung übernommen hat.

Es gab aber auch Stimmen, die meinten, die Behörden hätten früher handeln müssen.

Klar könnte man sagen, das BAG hätte schneller handeln können, wichtig ist aber, dass es nun die Verantwortung übernimmt, die richtigen Schritte einleitet und massvolle Entscheidungen trifft.

Sind denn die Massnahmen, die der Bund erlassen hat, massvoll?

Ich vergleiche das gerne mit einem Feuerwehreinsatz. Wenn die Feuerwehr bei einem Brand alarmiert wird, ist nicht immer klar, wie gross der Brand ist. Kommt sie mit einem kleinen Aufgebot und es ist ein Vollbrand, dann macht man ihnen Vorwürfe, sie hätten die Situation falsch eingeschätzt. Rücken sie mit diversen Löschfahrzeugen aus und es handelt sich dann aber nur um einen Mottbrand, macht man ihnen den Vorwurf, sie hätten übers Ziel hinaus geschossen. Wirklich wissen, was richtig ist, tut man in der Regel erst im Nachhinein. Ich finde die Massnahmen von Bundesrat und BAG absolut sinnvoll. Was aber wichtig ist: Es braucht auch Eigenverantwortung. Man sollte sich so verhalten, dass man im Zweifelsfall niemanden gefährdet, aber auch keine Panik schürt. Und dann ist da noch das Thema Notvorrat. Auch wenn Hamsterkäufe übertrieben sind, man sollte das Thema nicht belächeln. Es macht absolut Sinn, für verschiedene Situationen einen Notvorrat allzeit zu Hause zu haben. Wir wissen schliesslich nicht, was noch auf uns zukommt.

Marc Sieger