Ermin Schluep
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10.03.2020 06:55

Mit Wanderschuhen aus dem Elend

Als Vollwaise und Heimkind bekam Ermin Schluep nichts geschenkt. Nur ein paar Wanderschuhe. Durch sie lernte er, nicht aufzugeben, sondern immer weiterzugehen. Eine Geschichte über seinen harten Weg bis auf den Gipfel; zur Jugendarbeit in Kirchberg.

Kirchberg/Bazenheid/Gähwil Ermin Schlueps Weg war steinig. Hart. Voller Hindernisse. Er wäre nicht zu meistern gewesen. Nicht ohne seine Wanderschuhe. Sie haben ihm geholfen weiterzugehen, auch wenn der Weg aussichtslos schien. 1996, Bosnien und Herzegowina. Ermin ist 16. Eben ist er vom Schweizer Kinderdorf Pestalozzi zurück ins Kinderheim in den Balkan gebracht worden, wo man ihn vor vier Jahren aus dem Bürgerkrieg gerettet hatte. Der Krieg ist zu Ende. Doch die Lebensumstände sind schlechter denn je. Im Kinderheim gibt es für 300 Kinder nur einen Betreuer. Es fehlt an allem. Kaum ist Ermin angekommen, hat man seine Kleider und Schuhe gestohlen. Dann teilt man ihm mit, dass nebst seiner Mutter auch sein Vater gestorben ist. Ermin ist Vollwaise. Die Traurigkeit, die ihn erfasst, kennt keine Worte. Doch dann passiert ein kleines Wunder. Ein Mann, der auf der Strasse Spenden sammelt, drückt ihm ein Paar Wanderschuhe in die Hände. «Ich war der glücklichste Junge auf der Welt. Ich wusste, dass ich weitergehen musste.» Also tat er es. Stets mit seinen Wanderschuhen an den Füssen, Sommer wie Winter. Trotzdem sieht seine Zukunft alles andere als rosig aus: Als 18-Jähriger droht ihm ein Leben auf der Strasse, da Kinder das Heim dann verlassen müssen. Die schiefe Bahn ist nicht weit entfernt.

Auf den richtigen Weg gebracht

Doch es kommt anders. Ein zweites kleines Wunder passiert. Toni Schluep, der damalige Leiter des Pestalozzi-Kinderdorfs, wird auf den kleinen Ermin aufmerksam. Er adoptiert den aufgestellten Jungen und nimmt ihn mit in die Schweiz. Ein Flohnerleben ist jedoch nicht angesagt. Im Gegenteil. «Mein Vater hat mir klargemacht, dass man es in der Schweiz nur zu etwas bringt, wenn man eine solide Ausbildung hat und hart arbeitet», so Ermin. Der Anfang im neuen Land mit einer neuen Kultur war schwer. «Ich habe oft Rassismus erfahren und musste mich beweisen.» Ermin legt sich deshalb so richtig ins Zeug. Er macht das Handelsdiplom, schliesst die Berufsmaturität ab, lässt sich zum Fachmann Betreuung EFZ ausbilden und zuletzt zum Sozialarbeiter FH. Noch während des Studiums 2017 sieht er in der Seelsorgeeinheit Bazenheid, Gähwil, Kirchberg die Stelle als «Jugendbeauftragter» ausgeschrieben. Er möchte sofort beginnen. Doch das ist nicht möglich.

Ein neuer Anstieg

«Der Hochschulabschluss alleine reicht nicht aus», teilte man ihm mit. Er brauche einen Wählbarkeitsausweis des Bistums St.Gallen. Dafür müsse Ermin während zwei Jahren drei Module besuchen. «Ein weiterer langer Weg begann», sagt er und schaut auf seine Wanderschuhe. «Doch ich bin auch diesen gegangen.» Da die Seelsorgeeinheit bisher noch keinen Jugendbeauftragten hatte, war es Ermins Aufgabe, ein von Grund auf neues Konzept für die offene, nicht ortsgebundene Jugendarbeit zu erstellen. Ermin führt Umfragen mit 67 Jugendlichen, der Jungwacht und vier Mitgliedern des Pastoralteams durch, um herauszufinden, was sie sich wünschen. In wochenlanger Arbeit stellt er ein ausgefeiltes Konzept zusammen, schreibt mehrere wissenschaftliche Arbeiten. Dann ist es so weit. Ende 2019 hält er endlich seinen Wählbarkeitsausweis in den Händen. Ermin platzt fast vor Stolz. «Plötzlich war ich überall anerkannt. Ich hatte bewiesen, dass ich meine Stelle nicht nur aufgrund meiner Vergangenheit erhalten hatte, sondern weil ich mit Fachwissen überzeugen konnte.» Ermin hat den Gipfel erklommen. Er ist stolz. Vor allem ist er aber dankbar. «Auf meinem schweren Lebensweg bin ich immer wieder kleinen Wundern begegnet. Sei es der Mann mit den Wanderschuhen. Sei es mein Vater, der mich adoptiert hatte. Oder sei es das Pastoralteam, das mich nun in der Seelsorgeeinheit herzlich aufgenommen hat. Deshalb habe ich das alles überstanden. Wie meine Wanderschuhe, die nach 24 Jahren noch intakt sind.»

Immer weitergehen

Ein kleines Wunder möchte Ermin zukünftig auch für die Jugendlichen der Seelsorgeeinheit sein. «Ich möchte sie bei den vielen Um- und Aufbrüchen auf ihrem Lebensweg stärken. Sie sollen freie, selbstbestimmte Erwachsene werden», sagt er. Dafür organisiert er am laufenden Band Fussballturniere, Lager, Filmabende, Ausflüge. Kaum zwei Wochen vergehen ohne Programm. Ermins wichtigsten Ziele: Die Jugendlichen sollen sich beteiligen, sprich mit Ideen zu ihm kommen und diese gemeinsam umsetzen, Mädchen und Jungen werden gleichermassen eingebunden und Ermin selbst ist überall dabei. «Ich muss mich in ihre Lebenswelt einbringen und sie verstehen», sagt er. Das fällt ihm nicht schwer. Er hat die Dynamiken unter Teenagern im Kinderheim jeden Tag miterlebt, weiss, wie man lernt, sich unter Gleichaltrigen durchzusetzen, wie man bei Diskriminierungen vorgeht, versteht Ausländer wie Schweizer, weil er in beiden Welten gelebt hat. Ist sein Weg nun beendet, stellt er die Wanderschuhe in den Schrank? «Nein. Das werde ich nie. Ich bilde mich laufend weiter. Momentan in Lithurgie. Im März und April führe ich Taizé-Gebete durch.» Immer weitergehen, nie stillstehen. Das hat Ermin gelernt. Das wird er nie vergessen.

Darina Schweizer

Anamari Peric

«Mit Ermin wird uns Jugendlichen nie langweilig, es ist immer etwas los. Ohne ihn würden wir wahrscheinlich nur noch zu Hause herumsitzen und fernsehen oder gamen (lacht). Auch ist er immer da, wenn man ihn braucht. Für eine Projektarbeit hat er mir zum Beispiel geholfen, eine CD aufzunehmen.»

Dario Peric

«Ermin ist echt ein cooler Typ. Manchmal ist er noch selbst wie ein Jugendlicher (lacht). Er macht so viel mit uns. Vor kurzem hatten wir die Idee, ins Alpamare zu gehen. Er war sofort dabei. Organisieren mussten wir selbst: Unterkunft, Essen, Hin- und Rückreise. Das war ziemlich viel, machte aber auch sehr viel Spass. »

Murat Haljilji

«Ermin ist überall mit dabei, zum Beispiel, wenn wir ein Fussballturnier organisieren oder einenFilmabend. Er ist wie einer von uns. Weil er auch ausländische Wurzeln hat, versteht er ausserdem sehr gut, wie es ist, mit strengen Eltern aufzuwachsen, zu fasten oder zum Beispiel keinen Alkohol trinken zu dürfen.»