Jeannette Schoch
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03.03.2020 00:00

«Meine Belastungen male ich mir von der Seele»

An Kreativität mangelte es Jeannette Schoch nie. Trotzdem, Künstlerin wollte sie nicht werden. Heute verarbeitet sie nicht nur Belastungen in ihren Bildern, sondern auch Kaffeesatz und Stoffresten.

Bronschhofen Jeannette Schoch steht mit verschränkten Armen vor einigen ihrer Werke. Ihr zierlicher Körper ist in schwarze Kleidung gehüllt. Auf ihren Lippen liegt ein zufriedenes Lächeln.

Beim Betrachten Ihrer Werke wirken Sie glücklich.

Oh ja, das bin ich. Ich glaube, ich bin schlimmer als ein Kind.

Was sehen Sie?

Den Fortschritt. Wenn ich mein erstes Bild betrachte und mit meinem neusten Werk vergleiche, bin ich stolz. Denn ganz ehrlich, ich habe mir das Malen zuvor nicht zugetraut.

Sie haben 2004 mit dem Malen begonnen. Warum haben Sie es sich zuvor nicht zugetraut?

Zusammen mit meinem Mann führte ich ein Unternehmen, dies beanspruchte viel Zeit. Doch die Kreativität war schon immer ein Teil von mir. Ich habe sie einfach anders zum Ausdruck gebracht, nämlich durch das Nähen. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich eines Tages abstrakte Bilder malen würde. Für das Zeichnen habe ich kein Talent. Eine Kollegin überredete mich, an einem Malkurs teilzunehmen. Ich dachte mir, oh Gott, ich möchte mich nicht blamieren.

Doch es muss Sie begeistert haben.

Absolut. Die Kursleiterin überliess es uns, was wir wie umsetzen möchten. Wir mussten nur unserer Kreativität freien Lauf lassen. Und wenn ich jetzt mein erstes Bild betrachte, bin ich zufrieden mit dem, was ich geschafft habe.

Auf welches Ihrer Bilder sind Sie heute besonders stolz?

Auf mein neustes Werk. Es ist komplett aus recycelbaren Materialien hergestellt.

Man könnte das Bild theoretisch recyceln?

Die Farben sind wasserlöslich und nicht umweltschädlich. Die Strukturen sind aus Stroh, Bananenblättern und Stoffresten. Ich habe das Bild an der Sonne trocken lassen. Die Struktur und Masse veränderten sich so nochmals.

Sie holen sich viele Inspirationen aus der Natur und aus Ihrem Alltag.

Genau. Vor allem Wolkenbilder inspirieren mich. Aber ich verwende eigentlich alles was, man im Alltag sonst wegwerfen würde. Das reicht von getrocknetem Kaffeesatz bis zu Kleideretiketten.

Werden Sie nun alle Ihre Bilder so gestalten?

Ich mag diese Arbeitstechnik. Aber nein, das werde ich nicht. Ich bin immer noch auf der Suche, meinen Stil zu finden. Bis ich meinen eigenen finde, kann es aber noch dauern.

Zwei Ihrer Bilder, bei welchen Sie ähnliche Techniken anwandten, konnten Sie an einer Ausstellung in Lausanne präsentieren. Vielleicht geht es schneller, als Sie denken.

Das kann sein, ist aber nicht mein Ziel. Ich würde mich selbst auch nie als Künstlerin bezeichnen. Ich male einfach, weil es mir Freude macht. Von der Kunst möchte ich mich auch nicht unter Druck setzen lassen. Manchmal habe ich keine Lust zu malen. Dann lasse ich es sein. Es soll meine Leidenschaft bleiben und kein unnötiger Stressfaktor. Das Malen entspannt mich und ich kann in meine Fantasiewelt abtauchen und meine Bedenken vergessen.

Was belastet Sie?

Wissen Sie, ich frage mich oft, warum ich mir überhaupt noch die Tagesschau ansehe. Es passieren so viele schreckliche Dinge auf dieser Welt. Ich würde mir wünschen, wir könnten alle in Frieden leben. Doch dieses Wissen, dass dies nicht funktionieren wird, verleiht mir ein gewisses Ohnmachtsgefühl.

Dieses Ohnmachtsgefühl, das können Sie in Ihrer Kunst verarbeiten?

Während des Arbeitsprozesses blende ich alles um mich herum aus. Was mich belastet, aber auch inspiriert, male ich mir von der Seele. Im Gegensatz zu früher arbeite ich heute mit dunklen und kräftigen Farben. Meine Bilder sollen Power und Energie ausstrahlen.

Sie malen abstrakte Bilder. Haben Sie oft Diskussionen betreffend der Bedeutungen Ihrer

Die Leute kommen oft zu mir und erzählen, was sie in meinen Bildern sehen. Für mich ist es immer wieder faszinierend, wie unterschiedlich meine Bilder interpretiert werden. Es kann alles, aber auch gar nichts sein. Das ist doch das Spannende, dass jeder von uns etwas Neues entdeckt.

Die Kunst scheint Ihnen viel zurückzugeben. Bereuen Sie es, dass Sie nicht früher mit dem Malen begonnen haben?

Heute bereue ich es. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, hätte ich zehn Jahre früher damit angefangen. Aber die Kunst macht mich glücklich und zufrieden. Und ich glaube, das ist es, worauf es im Alter ankommt.

Francesca Stemer