Tamara Dold, Psychologin, Flawil. le
1/1 Tamara Dold, Psychologin, Flawil. le
26.03.2020 09:35

«Frauen geht es nicht um Wettbewerb»

2017 fuhren zwei Frauen mit über 100 Kilometern pro Stunde durch Schwarzenbach. Eine kam dabei ums Leben. Die andere wurde vergangene Woche zu einer bedingten Haftstrafe von 24 Monaten verurteilt. Psychologin Tamara Dold erklärt, wie auch Frauen zu Raserinnen werden können.

Schwarzenbach/Flawil «Das habe ich noch nie erlebt», sagte der Staatsanwalt laut Medien an der Gerichtsverhandlung der 27-jährigen Coiffeuse, die 2017 mit ihrer besten Freundin durch Schwarzenbach gerast war. Zwar konnte der Angeklagten ein Rennen nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden – sie muss deshalb nicht, wie gefordert, viereinhalb Jahre ins Gefängnis, sondern erhielt eine bedingte Haftstrafe von 24 Monaten –, doch höchst ungewöhnlich ist der Fall trotzdem. Denn Frauen werden nur äusserst selten zu Raserinnen.

Kick und Selbstüberschätzung

«Das liegt daran, dass Männer deutlich wettbewerbsorientierter sind als Frauen. Und grundsätzlich zeigen Männer auch mehr Risikoverhalten», sagt Tamara Dold, Fachpsychologin für Psychotherapie FSP aus Flawil. Für viele gehe es dabei um den «Kick», der im Hirn einen Cocktail an Botenstoffen ausschütte, der sich anfühle wie ein Alkohol- oder Drogenrausch, so Dold. Eine Rolle könne, gerade bei geplanten illegalen Autorennen, aber auch die sogenannte «Selbstüberhöhung» spielen, bei der Personen ihr inneres Gefühl der Unzulänglichkeit und Minderwertigkeit dadurch kompensieren würden, dass sie Anerkennung von ihrer Subgruppe bekommen. Dold: «In dieser Selbstüberhöhung ist die Empathie deutlich eingeschränkt. So blendet man negative Konsequenzen für die Mitmenschen aus und überschätzt die eigenen Fähigkeiten massiv.» Das Ziel: Ein Gefühl von Macht und Bestätigung, sich intensiver zu spüren und den Rausch zu erleben. Oder: Provokation, die darauf abzielt, eine Reaktion bei den anderen hervorzurufen. «Ich denke, dass wenige Menschen, die diese Art von Risikoverhalten zeigen, den Tod von anderen bewusst in Kauf nehmen. Sie sind dermassen überzeugt von ihren Fähigkeiten, dass sie schlichtweg nicht von einem Unfall ausgehen», so die Psychologin.

«Wir-Gefühl» als Motiv?

Dennoch, meint Dold, Risikoverhalten äussere sich bei Frauen selten in Rennen, sondern meist in Form von Selbstverletzung und Essstörungen. Deshalb steht für sie beim Fall aus Schwarzenbach ein anderes Motiv im Vordergrund. «Für mich ist unklar, ob es sich um ein Rennen im herkömmlichen Sinn handelte. Das wäre etwas Geplantes. Hier gehe ich eher davon aus, dass die Frauen aus einem Impuls heraus zu schnell fuhren. Durch das gemeinsame Risiko und Brechen von Regeln werden heftige Emotionen geteilt, was die Solidarität und das Wir-Gefühl stärken kann.» Ihr Verhalten zukünftig zu ändern, falle Rasern nicht immer leicht, sagt Dold. Das mache eine Person nur, wenn für sie die Kosten höher seien als der Gewinn. Gerade bei risikosuchendem Verhalten wie dem Rasen sei das ein Dilemma: «Die Folgen werden bewusst in Kauf genommen oder ignoriert, weil sie – wenigstens in dem Moment – als weniger bedeutsam eingestuft werden als der erwartete Gewinn.» Im Fall der Frau, die durch Schwarzenbach raste, spricht trotzdem einiges dagegen, dass sie erneut zur Raserin wird: Sie verlor ihre beste Freundin. Ein höherer Preis hätte kaum gezahlt werden können.

Darina Schweizer