Stefan Frick, Präsident des Gewerbeverein Wil und Umgebung  le
1/1 Stefan Frick, Präsident des Gewerbeverein Wil und Umgebung le
13.03.2020 06:55

«Es wird in Wil wohl zu weiteren Firmenschliessungen kommen»

Morgen Abend findet im Stadtsaal die Hauptversammlung des Gewerbeverein Wil und Umgebung statt. Erwartet werden über 300 Gäste. Gewerbevereinspräsident Stefan Frick ist den «WN» schon vorab Red und Antwort gestanden.

WilStefan Frick, wie sehr hat Sie die Nachricht überrascht, dass nach 45 Jahren der Finnshop in Wil seine Türen schliesst?

Das gibt einem schon zu denken, wenn so alteingesessene Firmen schliessen. Man spürt in so einem Moment einmal mehr, unter welchem Druck viele KMUs stehen und wie sie unter dem Margenschwund und dem Interneteinkauf leiden.

Was bedeutet die Schliessung für das Gewerbe in Wil?

Es ist natürlich schade für jedes Mitglied, welches keine Arbeits- und Ausbildungsplätze mehr zur Verfügung stellen kann. Einen direkten Einfluss auf den Gewerbeverein hat die Schliessung aber nicht.

Und was bedeutet die Schliessung für die Stadt Wil als Standort?

Natürlich ist die Schliessung für den Standort nicht erfreulich, zumal es mit der Sanitär-Firma Willy Rohner gleich nochmals einen Betrieb getroffen hat.

Was wünschen Sie sich für einen Nachfolgebetrieb in den Räumlichkeiten des Finnshop?

Viel wichtiger als ein neuer Betrieb ist, dass die Obere Bahnhofstrasse endlich wieder attraktiver wird. Es bringt nichts, wenn dort ein toller Betrieb einzieht und dieser nach drei oder vier Monaten wieder schliessen muss.

Gehen Sie in den nächsten Monaten von weiteren Ladenschliessungen aus?

Es ist zu befürchten, dass es noch zu weiteren Schliessungen in Wil kommen wird.

Online-Shopping und Einkäufe im grenznahen Ausland oder bei Grossverteilern. Was muss das Gewerbe in Wil machen, um die Kundschaft halten zu können?

Da sind in erster Linie, etwa im Fall der Oberen Bahnhofstrasse, die Geschäfte selbst gefragt. Da gibt es ja auch die IG Obere Bahnhofstrasse. Sie müsste den Lead übernehmen und etwas auf die Beine stellen, um die Attraktivität zu wahren.

Wären flexible Öffnungszeiten ein Mittel, um mehr Kundschaft in die Läden zu locken?

Es ist fraglich, ob man die höheren Personalkosten durch flexible Öffnungszeiten mit Mehrumsatz wirklich auffangen kann. Viel wichtiger scheint mir, dass sich das Wiler Gewerbe auch im Internet präsentiert. Sucht also jemand einen Artikel im Netz, sollen ihm auch die Angebote der Wiler Geschäfte angezeigt werden. Entscheidet sich der Käufer dann sein Produkt lokal zu erwerben, ist ein Top-Service gefragt.

In der Migros kostet ein Nivea Men Deo Aerosol Fresh Activ 3.05 Franken, bei Müller in Deutschland kostet das identische Produkt 1.59 Euro, also 1.69 Franken. Warum soll ich dieses trotzdem in der Schweiz kaufen?

In erster Linie müssen wir unser System schützen. Wenn alle das günstigste Produkt am günstigsten Ort kaufen, können wir langfristig unsere Löhne hier nicht halten. Wenn wir auf das Niveau der deutschen Preise wollen, haben wir irgendwann auch die deutschen Löhne. Dessen muss man sich einfach bewusst sein. Für mich spielt auch immer die Motivation eine Rolle, warum geht man ins Ausland zum Einkaufen. Geht es dabei ums Überleben, habe ich Verständnis. Ist es nur der Geiz, ist es die total falsche Einstellung.

Was kann die Stadt Wil selber dafür tun, dass es dem Gewerbe in der Stadt gut geht?

Sie kann attraktive Rahmenbedingungen schaffen, Veranstalter beim Bewilligungsverfahren unterstützen und ab und an bei gewissen Leistungen ein wenig nachsichtig sein.

Macht die Stadt Wil das genug?

Schlussendlich liegt es nicht in der Verantwortung der Stadt, dass das Gewerbe überleben kann, sondern am Gewerbe selbst. Hat etwa die IG Obere Bahnhofstrasse eine Idee, ist es an ihr, auf die Stadt zuzugehen und nicht umgekehrt.

Welches Umsatzpotenzial bietet sich dem Gewerbe in der Stadt Wil?

Wil hat eine gute Grösse und eine wichtige Zentrumsfunktion. Dazu gibt es auf dem Platz viele erfolgreiche Unternehmen. Wil ist ein gutes Pflaster.

Immer wieder wird moniert, es gäbe zu viele Banken in Wil.

(lacht) Der Markt reguliert das selbst. Scheinbar verträgt Wil so viele Banken auf einem Platz.

In der Altstadt siedeln sich immer mehr Agenturen und Kanzleien an. Stimmt da der Mix?

Auch hier reguliert sich der Markt selbst. Ob das gut oder schlecht ist, sei dahingestellt. Viel wichtiger scheint es mir, dass keine Gewerbeflächen leerstehen.

Lui Eigenmann