Ingeborg Baumgartner vom Verein Selbsthilfe Thurgau hilft, eine Selbsthilfegruppe für Erwachsene aus zerrütteten Familiena ufzubauen.
1/1 Ingeborg Baumgartner vom Verein Selbsthilfe Thurgau hilft, eine Selbsthilfegruppe für Erwachsene aus zerrütteten Familiena ufzubauen.
19.03.2020 06:55

Die zerrüttete Kindheit soll keinen Einfluss mehr auf die Zukunft haben

Missbrauch, Schläge, eine Trennung der Eltern: Es gibt viele Gründe, wieso Kinder oft auch im Erwachsenenalter an ihrer zerrütteten Kindheit leiden. Der Verein «Selbsthilfe Thurgau» bietet darum neu eine Gruppe an, mit der diese Erlebnisse aufgearbeitet werden können. Die Initiantin ist selbst betroffen.

Region «Oft leiden Kinder aus zerrütteten Familien noch im Erwachsenenalter unter dem Erlebten. Doch leider können sie oft nicht darüber sprechen und sich helfen lassen», erklärt Ingeborg Baumgartner, Stellenleiterin beim Verein Selbsthilfe Thurgau. Gibt es trotzdem jemanden, der die Initiative ergreift, und eine Selbsthilfegruppe gründen will, steht der Verein unterstützend zur Seite.

Initiantin ist Voraussetzung

«Wir gründen nicht selbst eine Gruppe. Es muss eine betroffene Person auf uns zukommen, die bereit ist, dieses Projekt zu initiieren», erklärt Baumgartner. Dank einer Frau, die heute eine Familie mit Kindern hat, aber merkt, dass sie nicht über ihre Kindheit hinwegkommt, ist die Gruppe «Schwierige Kindheit» nun am Entstehen. Diese läuft unter dem Slogan «Die Seele darf gesund werden». «Haben wir eine solche Person gefunden, besprechen wir in persönlichen Gesprächen die Ziele und die Erwartungen der Initiantin in Bezug auf die Gruppe.» Damit eine neue Selbsthilfegruppe gegründet werden könne, müsse ein Leidensdruck vorliegen und eine Person, die diesen überwinden möchte. «Jetzt gilt es, genügend Interessentinnen zu diesem Thema zu finden. Denn erst, wenn eine kleine Gruppe zusammengekommen ist, starten die Treffen der Selbsthilfegruppe», so Ingeborg Baumgartner. Eine Selbsthilfegruppe sei jedoch kein Ersatz für eine Therapie.

Selbsthilfegruppe als Ergänzung

«In dieser Gruppe soll es nicht darum gehen, das ganze Erlebte abzuladen und wieder zu gehen», erklärt die Stellenleiterin des Vereins. Das grosse Ziel der Initiantin sei, zu erreichen, dass Betroffene sich wieder am Leben erfreuen können. «Man sollte sich mit dem Geschehenen aussöhnen, die Last der Vergangenheit überwinden und neuen Halt finden.» Zudem würde die Gruppe ab und an Ausflüge unternehmen. «Dies bietet wieder neuen Gesprächsstoff, der nichts mit der Vergangenheit zu tun hat.» Doch die Selbsthilfegruppe für Menschen aus zerrütteten Familien sei eine Herausforderung, denn etwas unterscheidet sie von anderen Gruppen.

Zu breit gefächert

In der Gruppe für Essstörungen haben alle das gleiche Problem. Und auch die Gruppe für Borderline-Erkrankte würden nur die an dieser Krankheit betroffenen Menschen besuchen. In der neu entstehenden Selbsthilfegruppe seien die Probleme jedoch weit gefächert. «Eine hat einen Missbrauch erlebt, die andere Gewalt und die Dritte hat ein anderes Trauma», erklärt Baumgartner. Darum sei es schwieriger, auf einen gemeinsamen Weg zu kommen. Doch dieser Herausforderung wollen sich die Verantwortlichen stellen. Darum sollen beim ersten Treffen die Häufigkeit der Termine, die Ziele und die Herausforderungen gemeinsam festgelegt werden. «Den Erfolg einer Gruppe kann man ohnehin schlecht messen. Doch wichtig ist, dass verhindert werden kann, dass Opfer zu Täter werden und dass erreicht werden kann, dass Betroffene wieder Freude am Leben bekommen.»

Jana Cucchia