Für Mutter Anja Egy (rechts) und Kindergärtnerin Alina Glass ist klar: «Eine Chance haben wir nur dank der engagierten Eltern.» ⋌tiz
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Für Mutter Anja Egy (links) und Kindergärtnerin Alina Glass ist klar: «Eine Chance haben wir nur dank der engagierten Eltern.» ⋌tiz
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18.05.2017 07:00

Die Rudolf Steiner Schule Wil braucht Schüler und Geld

Mit dem neuen Schuljahr endet die Zusammenarbeit zwischen den Rudolf Steiner Schulen Wil und St.Gallen. Für den deutlich kleineren Standort Wil sind das schlechte Nachrichten. Ein neuer Verein will die Schule retten – und konkurriert dabei mit einer zweiten Elterngruppe.

Wil Die Atmosphäre ist heimisch. Viel Holz, warme Farben und auf dem Tisch steht ökologischer Apfelsaft. Das Gespräch findet im Lehrerzimmer der Rudolf Steiner Schule Wil statt – manchmal treffen sich hier aber auch Schüler. Das erklärt die klassischen Schwenkstühle und die kunstvolle Wandtafelmalerei. Diese Bilder sind ein fester Bestandteil des pädagogischen Konzepts von Rudolf Steiner, erklärt Marion Wernitsch. Sie ist eine der knapp zehn Lehrpersonen, die an dieser Schule unterrichten. Sie kam vom St.Galler Standort nach Wil und kämpft nun um dessen Überleben. «Das ist die einzige Rudolf Steiner Schule zwischen St.Gallen und Winterthur. Sie muss unbedingt erhalten bleiben», sagt auch Anja Egy. Sie ist Mutter von zwei Kindern an der Schule und Aktuarin des am 9. Mai gegründeten Schulvereins. Dessen Ziel ist es, die Existenz der Schule bis zu Beginn der Sommerferien gesichert zu haben. Dabei geht es hauptsächlich um das Geld.

Finanzielle Probleme

Das ist nicht die erste Krise der Wiler Steinerschule. Ähnlich ernst war die Lage auch im Sommer 2012. Kindergärtnerin Alina Glass war damals bereits hier: «Wir hatten vielleicht noch 25 Schüler und die Lehrerschaft trat zurück.» Es waren die Eltern, die damals das Schlimmste verhinderten. Dank deren Initiative kam die Zusammenarbeit mit der dreimal so grossen Rudolf Steiner Schule St.Gallen zustande. Anfangs wurde Wil nur gecoacht, ein Jahr später wurde formal fusioniert und ab 2014 wurde auch gemeinsam budgetiert. Damit war die Zukunft der Wiler Schule gesichert. Schüler konnten vermittelt und dank Synergien Kosten gesenkt werden. «Danach ging es bei uns bergauf mit den Schülerzahlen. Heute sind es rund 40», erzählt Glass. Dieser Aufwärtstrend beschränkte sich aber auf Wil. In St.Gallen sind die Zahlen rückläufig. Und es traten noch andere Probleme auf. «Einige Lehrpersonen wurden krank und es gab sogar einen Todesfall», so Anja Egy. Die Pechsträhne ging aber noch weiter: In Wil wurden Gelder in Höhe von mehreren 10'000 Franken veruntreut. Das alles brachte die Finanzen der fusionierten Schule aus dem Gleichgewicht. So beschloss man in St.Gallen, den Wiler Standort aufzugeben. Dieser Entscheid stiess aber auf grossen Widerstand.

Elternschaft formiert sich

Weder die Eltern noch die Lehrpersonen der Wiler Steinerschule wollten ihren Standort aufgeben. So entstanden nach Bekanntwerden der St.Galler Pläne zwei Strömungen: Die sogenannte «Initiativgruppe» will ein neues Schulkonzept unabhängig von der Steinerschule aufbauen. Die Gruppe besteht aus einer federführenden Lehrperson und einigen Eltern. Parallel dazu versucht der neugegründete Schulverein den Wiler Standort zu retten. «Unser Vorhaben wird von St.Gallen unterstützt. Das ist eine grosse Hilfe», sagt Aktuarin Anja Egy. Trotzdem wird die Rettung nicht einfach. Denn die Schule benötigt rund 40 Schüler, um selbsttragend zu sein. Da der Verein aber damit rechnen muss, dass einige Schüler zur Schule der «Initiativgruppe» abwandern, will sie nun die Werbetrommel rühren. «Wir hoffen, dass sich bis Ende Schuljahr noch einige neue Schüler einschreiben», sagt Kindergärtnerin Alina Glass. Zudem will man versuchen, über neue Kanäle mehr Finanzmittel zu beschaffen. Unter anderem hat der Verein dazu ein Crowdfunding-Projekt auf lokalhelden.ch gestartet. Ob an der Wiler Rudolf Steiner Schule auch nach den Ferien noch unterrichtet wird, entscheidet sich in den kommenden Monaten. Für Egy, Glass und Wernitsch ist aber jetzt schon klar: «Eine Chance haben wir nur dank der unglaublich engagierten Eltern.»

Timo Züst