Samuel Eschler, Geschäftsführer von Eschler Fahrzeugbau und Janick Erni, der bis zur Schliessung bei Tuchschmid gearbeitet hatte. mas
1/1 Samuel Eschler, Geschäftsführer von Eschler Fahrzeugbau und Janick Erni, der bis zur Schliessung bei Tuchschmid gearbeitet hatte. mas
05.03.2020 06:55

Bronschhofer Firma übernimmt Tuchschmidarbeiter

Es sei ein Glücksfall für beide Seiten, sagt Samuel Eschler von Eschler Fahrzeugbau in Bronschhofen. Damit meint er seinen Angestellten Janick Erni. Dieser hatte bis vor kurzem bei der Tuchschmid AG gearbeitet. Als diese plötzlich schliessen musste, hat Eschler Erni vom Fleck weg übernommen.

Bronschhofen Es war ein Hiobsbotschaft wie aus dem heiteren Himmel, die Schlagzeilen gemacht hatte. Im vergangenen Dezember gab die Stahl- und Glaskonstruktionsfirma Tuchschmid AG in Frauenfeld das plötzliche Aus bekannt. Dies, weil das Unternehmen überschuldet war – die Pleite war nach 170 Jahre Firmengeschichte nicht mehr abzuwenden gewesen. Auf einen Schlag standen damals hundert Mitarbeiter auf der Strasse. Einer von ihnen war Janick Erni. «Das ging alles sehr abrupt», erzählt der gelernte Anlagen- und Aparatenbauer. Zeit, um sich nach einem neuen Job umzusehen, sei kaum geblieben, erzählt Erni. Er habe schliesslich dennoch seine Bewerbungsunterlagen zusammengerafft und der Eschler Fahrzeugbau AG in Bronschhofen geschickt.

«Bitter, wenn man Job verliert»

Dort verfolgte gleichzeitig Geschäftsführer Samuel Eschler besorgt die Berichterstattung zum Aus von Tuchschmid und zu der Situation der Angestellten. «Ich finde es sehr bitter, wenn jemandem plötzlich der Teppich unter den Füssen weggezogen wird. Es gibt einige, die nicht in der Lage sind, Geld zur Seite zu legen, um notfalls ein paar Monate zu überbrücken.» Als ihn Ernis Bewerbung erreicht, fackelte er daher nicht lange. «Ich glaube, es hat gerademal eine halbe Stunde gedauer, nachdem ich das Mail mit meiner Bewerbung abgeschickt habe, da hat mich Samuel angerufen», erzählt Janick Erni und schmunzelt. Der 24-Jährige wurde zum Bewerbungsgespräch eingeladen, nur wenige Tage darauf hatte er den ersten Arbeitstag bei Eschler Fahrzeugbau. «Das war super. Dass ich so schnell und unkompliziert hier anfangen durfte, hat mir viel Unsicherheit weggenommen», so Erni.

Know-how in Region behalten

Samuel Eschler ist die Solidarität innerhalb der Branche sehr wichtig. «Wenn ein anderes Unternehmen schliessen muss – auch wenn es ein Mitbewerber ist – finde ich das immer sehr schade. Wir als KMU-Betriebe sollten versuchen, mit kleinen, sicheren Schritten zu wachsen um Vertrauen, Sicherheit und Zuversicht zu verbreiten.» Bereits in der Vergangenheit habe sein Unternehmen nach der Schliessung anderer Firmen versucht, einem Teil der Angestellten einen Platz anzubieten. Und auch als die Schliessung von Tuchschmid bekannt wurde, habe er beim Thurgauer Amt für Wirtschaft das Interesse deponiert, Angestellte zu übernehmen. Neben dem Wunsch zu helfen hat seine Solidarität aber auch einen praktischen Grund: Er könne so dafür sorgen, dass das Know-how der Handwerker in der Region und am besten gleich im eigenen Unternehmen bleibt.

Helfen trotz schwierigem Umfeld

Dies sei wichtig, zumahl der Fahrzeugbau auch keine einfache Branche sei, wie Eschler erklärt. Die Konkurrenz aus dem Ausland drücke die Preise und Margen. Auf die Frage, ob es denn in solch einem Umfeld überhaupt möglich sei, zusätzlich Angestellte anderer Firmen zu übernehmen, antwortet der Geschäftsführer der Eschler Fahrzeug AG überzeugt: «Ja, das geht.» Man dürfe sich nicht immer nur Sorgen machen, sondern müsse auch mal etwas wagen. «Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben», sagt Eschler. Man müsse offen für Veränderungen sein. Für ihn sei es ein Glücksfall gewesen, dass er Jannik Erni so schnell anstellen konnte. «Seine Art hat mich überzeugt, er ist sehr aufgeschlossen und neugierig.» Janick Erni selbst sagt, er habe sich gut eingelebt. Er wirkt zufrieden in der Werkhalle der Eschler Fahrzeugbau AG. Samuel Eschler ist es ebenso. Ob er auch zukünftig Angestellte einer konkursgegangenen Firma übernehmen würde? «Ja definitiv, wir sind ein moderner technischer Betrieb, der immer wieder auf der Suche nach neuen Talenten ist.»

Marc Sieger