Der anonyme Brief, der die Wiler Nachrichten vergangene Woche erreicht hatte.
1/1 Der anonyme Brief, der die Wiler Nachrichten vergangene Woche erreicht hatte.
30.01.2020 06:55

Anonymer Brief erhebt Vorwürfe an Thurvita

In einem anonymen Brief wird Thurvita beschuldigt, bei der Schliessung der Pflegewohnung Flurhof die Bewohner im Stich gelassen und unnötige Kündigungen ausgesprochen zu haben. Die Geschäftsleitung von Thurvita dementiert und klärt auf.

Wil «Für die Bewohner der Pflegewohnung Flurhof kam die Schliessung viel zu schnell». Mit diesen Worten wird der anonyme Brief, der die Wiler Nachrichten vergangene Woche erreicht hatte, ingleitet. Von wem das Schreiben stammt, ist nicht festzustellen. Im Brief werden gegen Thurvita schwere Vorwürfe erhoben. Dies im Zusammenhang mit der Schliessung der Pflegewohnung Flurhof in Wil. Weil die Thurvita das Überangebot von Pflegebetten in Wil reduzieren will, hatte sich der Verwaltungsrat dazu entschlossen, die Pflegewohnung zu schliessen. Betroffen davon sind zehn Bewohnerinnen und Bewohner und 16 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Bewohner wurden in anderen Altersheimen der Thurvita untergebracht. Das Gleiche gilt für die Angestellten, die nun in anderen Betrieben der Thurvita arbeiten. Wie es nun in dem anonymen Brief heisst, hätten die Bewohner kaum Zeit gehabt, die Nachricht zu verdauen. «In den zwei Monaten von der Information bis zum Umzug am 21. Januar wurden sie meist allein gelassen. Weder die Heimleitung noch das HR kümmerte sich professionell um ihre Ängste, Sorgen und Fragen», steht im Brief geschrieben.

Gespräche mit allen Betroffenen

Alard du Bois-Reymond, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Thurvita erklärt, dass der Zeitplan mit zwei Monaten bewusst relativ kurz gehalten wurde, um Bewohnende und Mitarbeitende nicht zu lange im Ungewissen zu lassen. «Bei älteren Menschen ist es wichtig, dass man mit der Umsetzung von Umstrukturierungen nicht lange wartet. Auf eine Information möchten wir auch möglichst rasch eine Lösung präsentieren », erklärt er. Dem Vorwurf, dass sowohl Bewohner als auch Angestellte im «Stich gelassen» worden seien, entgegnet er, dass man mit jedem Bewohner und Mitarbeiter zwei Einzelgespräche geführt hatte. «Mit dem Termin für die Schliessung haben wir gewartet, bis alle Gespräche geführt worden sind.» In diesen Gesprächen mit den Bewohnern – zu denen auch die Angehörigen beigezogen worden seien – habe man die Wünsche der Bewohner aufgenommen, in welcher Thurvita-Einrichtung sie künftig untergebracht werden wollen. «Wir konnten bis auf einen alle Wünsche erfüllen. Und in dem einen Fall, wo wir einen Kompromiss finden mussten, weiss ich, dass sich der Bewohner an seinem neuen Wohnort sehr wohl fühlt.» Die gleichen Gespräche habe man mit den Angestellten geführt.

«Wir waren fair»

Ein weiterer Vorwurf bezieht sich auf die Angestellten. So heisst es im Brief, dass Thurivta zunächst versprochen hatte, alle Mitarbeiter weiter zu beschäftigen. Bei einer zweiten Information der Angestellten habe es dann nicht mehr so positiv getönt, und schliesslich sei den drei dienstältesten Mitarbeiterinnen gekündigt worden. Dies, obwohl das Personal nötig sei und die Mitarbeiterinnen über viel Knowhow verfügen würden. Laut dem anonymen Schreiben hätte eine Köchin schliesslich Beschäftigung und Betreuung von dementen Personen übernehmen müssen. Du Bois-Reymond versteht diese Vorwürfe gar nicht. «Thurvita hat 15 von 16 Mitarbeitenden ein faires Angebot für eine gleichwertige Anstellung bei der Thurvita gemacht. Von diesen haben zwei Personen das Angebot nicht angenommen.» Gemeinsam mit diesen Personen sei entschieden worden, das Arbeitsverhältnis im gegenseitigen Einvernehmen aufzulösen. «Lediglich einer Mitarbeiterin hätte gekündigt werden müssen. Somit ist es nicht zu drei, sondern zu einer Kündigung gekommen. Wir sind den Mitarbeitenden gegenüber fair gewesen.»

Missverständnis möglich

Den Vorwurf, dass eine Köchin in der Betreuung arbeiten habe müsse, weist du Bois-Reymond zurück. Man habe während der ganzen Umstellungszeit die Anzahl der Pflegefachkräfte um einen Drittel über den kantonalen Anforderungen gehalten, um genügend Zeit für die Betreuung der Bewohnenden zu haben. Er vermutet, dass dem Vorwurf ein Missverständnis zu Grunde liegt. «Einige Angestellte werden künftig in einem Pilotversuch zur fachübergreifenden Betreuung mitarbeiten. Dort werden demente Menschen in einem kleinem Team von allen mitbetreut, um eine Tagesstruktur zu schaffen. Also beispielsweise auch von Köchinnen.» Grundsätzlich findet du Bois-Reymond, dass die Schliessung der Pflegewohnung sehr sorgfältig und achtsam umgesetzt wurde. Die anonymen Vorwürfe seien ohne Substanz. Er bedauere, dass die von Thurvita angebotenen zusätzlichen Dialoggefässe – wie Personalkommission, Personalabteilung oder Seelsorge – nicht genutzt, sondern der Weg der anonymen Anschuldigung gewählt worden sei.

Marc Sieger