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13.02.2020 06:55

18 Monate Freiheitsstrafe für 3 Sekunden aufs Handy schauen

So böse kann ein Blick aufs Handy enden: Gestern stand der 25-jährige L.M.* wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung und grober Verletzung der Verkehrsregeln vor dem Kreisgericht Wil. Das Gericht verurteilte den Mann zu einer 18-monatigen Freiheitsstrafe.

Oberbüren/Flawil Drei Sekunden. Mehr waren es nicht, die der 25-jährige L.M.* brauchte, um auf der Autobahn die Musik auf seinem Handy umzustellen. Doch sie reichten bereits aus, um zwei Menschen das Leben zu nehmen. Der 24-jährige M.S.* und der 50-jährige J.F.* starben an den Folgen des Zusammenpralls mit L.M's. Fahrzeug. Drei Sekunden Unaufmerksamkeit reichten aus, um ihre Leben und die Leben ihrer Familien zu zerstören. Doch auch L.M. selbst wird nie mehr ein normales Leben führen können. Das wurde gestern klar, als er sich vor dem Kreisgericht Wil in Flawil verantworten musste.

Musikhören mit Folgen

In einer pink-blauen Fleecejacke betritt L.M. den Gerichtssaal. Seine Stimme ist leise, doch er wirkt gefasst, wenn er spricht. Fast so, also spreche er nicht von sich selbst. Er lässt den Unfalltag noch einmal vor seinem inneren Auge ablaufen: Kurz nach Mittag des 3. Aprils 2019 ist er auf der A1 zwischen Uzwil und Gossau unterwegs. Über sein Mobiltelefon hört er Musik. Immer wieder wechselt er die Lieder. Dafür nimmt er das Telefon kurz in die Hand. So auch auf Höhe Bürerstich in Oberbüren. Was er nicht merkt: Das Rad seines Autos gerät dabei rund 20 Zentimeter auf den Pannenstreifen. Zur selben Zeit ist der Pannenhelfer M.S. auf dem Pannenstreifen mit einem Reifenwechsel beschäftigt. J.F. hat bei ihm angerufen, da sein Auto wegen eines defekten linken Vorderreifens auf der Autobahn stehen blieb. M.S. ist daran, diesen zu reparieren, während J.F. in Fahrtrichtung einige Meter hinter ihm wartet. Plötzlich knallt es. Der Körper von M.S. fliegt durch die Luft. Mit voller Wucht wird er gegen J.F. geschleudert. Beide bleiben schwer verletzt auf der Autobahn liegen.

Nie mehr in Auto gesetzt

«Es war ein völliger Schockmoment. Ich wusste nicht, was ich tun sollte und war wie gelähmt. Doch dann habe ich die Rega verständigt und versuchte zu helfen», so L.M. Seine Hilfe reichte nicht. M.S. verstirbt noch am selben Tag im Kantonspital St.Gallen. J.F. überlebt zwar den Unfalltag. Doch am 24. April bekommt er im Spital eine plötzliche Lungenembolie und stirbt ebenfalls. L.M. hat sich seit dem Unfalltag nie mehr hinters Steuer gesetzt. Er wohnt bei seinen Eltern und besucht regelmässig eine Therapie. Den Hinterbliebenen hat er einen Brief geschrieben. «Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an den Unfall denke. Sollte ich je wieder Auto fahren, werde ich mein Handy nie mehr in der Nähe haben. Mir war nicht bewusst, was durch eine solch kleine Ablenkung passieren kann.»

Laut Staatsanwalt vorhersehbar

Dies bezweifelt Staatsanwalt Michael Weltert. Für ihn ist klar: L.M. hätte wissen müssen, welche Folgen seine Unaufmerksamkeit haben könnte. «Es gibt zahlreiche Kampagnen, die darauf aufmerksam machen. Er hat nicht aus Unwissen das Handy bedient, sondern aus Bequemlichkeit. Dies hätte vermieden werden können.» Aus Sicht der Staatsanwaltschaft wäre es «ohne Weiteres zumutbar» gewesen, auf eine Autobahnraststätte zu fahren, um die Musik umzustellen. Weltert forderte deshalb eine bedingte Gefängnisstrafe von 18 Monaten, der Privatkläger Ronald Pedergnana eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und Bruno Bauer, der Verteidiger von L.M., sechs Monate plus 180 Tagessätze. M.S.' Familie sei nicht an einer möglichst harten Strafe interessiert, so Lorenz Gmünder, Rechtsanwalt der Privatklägerschaft. Der Brief von L.M. sei sehr positiv bei den Angehörigen angekommen, sie hätten jedoch keinen Kontakt gewünscht. «Die Familie ist sehr stark betroffen. Deshalb konnte sie heute an der Verhandlung auch nicht dabei sein.» Das Gericht folgte letztlich der Forderung der Staatsanwaltschaft: L.M. wurde zu einer 18-monatigen Freiheitsstrafe verurteilt. Da der Beschuldigte sofort die Rega kontaktiert habe und geständig gewesen sei, sei die Strafe nicht höher ausgefallen, so Dominik Weiss, Vizepräsident des Kreisgerichts Wil abschliessend. Auch wenn es das Urteil nicht ist: Die Erinnerungen an den Unfall wird L.M. lebenslänglich mit sich herumtragen.

*Namen der Redaktion bekannt

von Darina Schweizer und Francesca Stemer